Wolkenherz (1) - Leseprobe


Draußen war die Luft kalt und feucht. Dichter Nebel zog über den Hof und legte sich um ihre Füße wie Gespensterblut. Jola blieb einen Augenblick unschlüssig stehen. Bei Nacht hatte der Hof etwas Gespenstisches an sich, besonders wenn der Mond wie heute von Wolken verschluckt wurde. Fröstelnd schlang sie die Arme um ihren Körper und lief zum Kastanienbaum, wo der Reifen sacht hin und her schaukelte. Etwas flirrte durch die Nacht, ein leises Surren, als wäre die Luft elektrisch aufgeladen. Sie atmete tief ein und wieder aus und sah, wie ihr Atem milchige Wolken bildete.

Vom Stall her drangen Geräusche durch die Nacht. Ein Scharren, ein Prusten. War es Helen gelungen, den Hengst wieder einzufangen? Jola lief hinüber, aber das Tor war fest verschlossen. Außerdem kamen die Geräusche nicht aus dem Stallinneren.

Mit einer Hand fuhr sie an der Mauer entlang, bis sie den Durchgang mit dem Spitzdach erreicht hatte. Ein finsteres Loch gähnte sie an. Hier gab es keinen Bewegungsmelder, nur blinde schwarze Nacht. Jola stellte sich vor, sie müsste durch eine dunkle Höhle tauchen. Sie holte tief Luft, hielt den Atem an und rannte hindurch.

Wie Watte lag der Nebel über dem Pfad auf der anderen Seite, doch Jola fand ihn trotzdem. Er führte genau bis an den Holzzaun, der den sandigen Paddock umgab. Die Pferde waren verschwunden, genau wie die Pferdeäpfel und die Hühner und das ganze Chaos. Nein, nicht alle Pferde – eines war geblieben. Es stand auf der Weide mitten im Nebel, scharrte die Erde auf und starrte zum Paddock herüber. Kopf und Ohren waren hoch aufgestellt, und aus seinen geblähten Nüstern kam das Prusten, das sie hergelockt hatte.

Der Schimmel bemerkte sie nicht. Er war abgelenkt – von einer Gestalt, die auf der gegenüberliegenden Seite des Paddocks reglos auf dem Lattenzaun hockte.

Jola zuckte so heftig zusammen, dass sie sich das Knie am Zaun stieß. Die Gestalt trug einen hellen Kapuzenpullover, den sie tief ins Gesicht gezogen hatte. Ihre Füße steckten im Nebel und ihre Hände hatte sie in den Ärmeln verborgen. Jola wagte nicht, sich zu rühren. Ob das der Geist war? Der Geist, der im Stall hauste? Aber nein, den hatten die Mädchen erfunden. Nur eine Geschichte, um sie zu verscheuchen.

Oder doch nicht?

Der Hengst schüttelte seine Mähne und stieg steil in die Luft. Dann machte er aus dem Stand kehrt und galoppierte in den Nebel hinein. Sein Körper löste sich in den Wattewolken auf, bis nichts mehr von ihm zu sehen war. Nur das Stampfen seiner Hufe hallte durch die Dunkelheit, dumpf und fern.

Jola schaute wieder zu der Gestalt auf dem Zaun.

Sie war ebenfalls verschwunden.